Praxis-Report: Warum nach Arbeitsunfällen plötzlich fliegende Scheiben zur Therapie gehören
In der AUVA-Rehabilitationsklinik Tobelbad ergänzt ein barrierefreier Discgolf-Parcours das therapeutische Angebot. Unser Beitrag zeigt, warum das Zusammenspiel von Bewegung, Motivation und Gemeinschaft ein wichtiger Baustein der Rehabilitation ist.
Andreas Fink steht konzentriert auf der Wiese, den Blick fest auf einen gelben Metallkorb in 30 Metern Entfernung gerichtet. Vor knapp einem Jahr riss ihm eine Maschine bei einem Arbeitsunfall den Arm ab. Heute steht er konzentriert auf der Wiese, den Blick fest auf einen gelben Metallkorb in 30 Metern Entfernung gerichtet. Präzise zielt er mit seiner elektronischen Prothese über das Gelände der AUVA-Rehabilitationsklinik (RK) Tobelbad – und wirft. Die rosafarbene Scheibe segelt durch die Luft.
Was auf den ersten Blick wie ein reines Freizeitvergnügen aussieht, ist in Wahrheit moderne, hart arbeitende Rehabilitation. Die AUVA nutzt integrative Sportarten gezielt, um Körper und Geist nach traumatischen Arbeitsunfällen oder bei schweren Berufskrankheiten neu zu kalibrieren.
Die Heilkraft der Ablenkung
„Sport lenkt von der tatsächlichen Verletzung ab“, erklärt Andreas Fink, während er sich auf den nächsten Wurf vorbereitet. „Es ist leichter, gewisse Tätigkeiten auszuführen, weil die Motivation viel stärker ist.“ Genau dieses Prinzip der unbewussten Bewegung machen sich die Therapeuten:Therapeutinnen zunutze. Wer versucht, eine Scheibe ins Ziel zu befördern, vergisst für einen Moment, dass er gerade das Gehen mit einer neuen Beinprothese oder die Greiffunktion einer Armprothese trainiert. Die komplexe Koordination passiert im Hintergrund, angetrieben vom spielerischen Ehrgeiz.
Um diesen therapeutischen Effekt für alle zugänglich zu machen, hat die RK Tobelbad ein in Österreich einzigartiges Projekt realisiert: Einen komplett barrierefreien Discgolf-Parcours. Dieser entstand nicht im Alleingang, sondern durch die gebündelte Expertise des österreichischen Discgolf-Verbandes im Rahmen eines EU-Projekts. Verbandspräsident Johannes Petz, beschreibt die Besonderheiten der Anlage: „Das sind sehr kurze Bahnen, die Flächen sind relativ eben. Es wird von Wegen abgeworfen, das ist alles einfacher zugänglich als eine Anlage, die für den Breitensport angelegt ist.“
Discgolf ist eine Sportart, bei der die Spieler:innen Scheiben, auch Frisbees oder Discs genannt, mit so wenigen Würfen wie möglich von einem gekennzeichneten Abwurfbereich (Tee) in ein genormtes Ziel (Discgolf-Korb) werfen. Wer nach allen Bahnen insgesamt die wenigsten Würfe benötigt hat, gewinnt das Spiel. Weitere Infos gibt es beispielsweise hier.
Wenn Welten aufeinandertreffen
Der Parcours fördert nicht nur körperliche Fähigkeiten. Ein unerwarteter, aber zutiefst menschlicher Erfolg des Projekts ist die soziale Inklusion. Maria Anna Leitner ist aufgrund einer Berufskrankheit der Lunge in Tobelbad. Im strikten Therapiealltag bleiben Unfallpatienten:-patientinnen und Menschen mit Berufskrankheiten oft unter sich. Auf dem Spielfeld ist das anders.
„Jetzt sind wir alle zusammen. Die ‚Unfaller‘ gehen mit uns genauso normal um wie wir mit denen. Das finde ich ganz toll“, freut sie sich. Der Sport baut Berührungsängste ab und stärkt die mentale Gesundheit aller Beteiligten.
Zurück ins Leben
Rehabilitation ist kein linearer Prozess, sondern ein ständiges Ausloten neuer Grenzen. Wie erfolgreich das sein kann, beweist Kati. Sieben Jahre nach dem Verlust ihres Beines bei einem Arbeitsunfall steht sie voll im Leben, meistert zehnstündige Arbeitstage und ihren Haushalt allein. Auf dem Parcours in Tobelbad schaltet sie mental ab. Ihren neuen Lieblingssport nimmt sie direkt mit nach Hause: „Ich werde schauen, dass ich das meinem Neffen beibringe.“
Der Discgolf-Parcours in Tobelbad zeigt, wie sich therapeutische Ziele mit spielerischer Bewegung wirksam verbinden lassen. Physiotherapie, Ergotherapie, Sportwissenschaft und Aktivierungstherapie greifen dabei ineinander. Patienten:Patientinnen können erlernte Fähigkeiten in komplexeren Bewegungsabläufen anwenden, neue Grenzen ausloten und zugleich Gemeinschaft erleben.
Manchmal bedeutet ein Fortschritt in der Rehabilitation, eine Bewegung ein weiteres Mal bewusst zu üben. Oder manchmal entsteht er genau dann, wenn man für einen Moment nicht mehr an die Therapie denkt, sondern nur noch an die Scheibe, den nächsten Wurf und das gemeinsame Ziel.
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