Gewaltprävention im Klassenzimmer: Ein schützendes Schulumfeld schaffen
Respekt, klare Regeln und eine gelebte Schulkultur tragen dazu bei, Gewalt im Schulalltag vorzubeugen. Wie Lehrkräfte Grenzverletzungen früh erkennen und Handlungssicherheit gewinnen können, zeigt dieser Beitrag.
Ein absichtlich „gestelltes Haxerl“ am Gang. Eine beleidigende Nachricht in der Klassenchatgruppe. Ein heimlich aufgenommenes Video einer Lehrperson. Oder einfach nur zwei Worte: „Deine Mutter.“ Für Außenstehende mögen sie harmlos klingen. Im Schulalltag wissen Kinder und Jugendliche jedoch meist genau, was damit gemeint ist. Die eigentliche Beleidigung wird nicht ausgesprochen – und ist dennoch für alle verständlich.
„Die Beschimpfungen werden subtiler“, beobachtet Patrick Taferner, AUVA-Präventionsexperte im Bereich Bildungseinrichtungen und selbst ehemaliger Lehrer. Gerade deshalb sei es wichtig, genauer hinzusehen. Gewalt beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen. Sie zeigt sich oft schon in Grenzverletzungen, Respektlosigkeit oder Ausgrenzung – lange bevor eine Situation eskaliert.
Welche Strategien Lehrkräfte dabei unterstützen können, steht im Mittelpunkt eines Gewaltpräventionsworkshops der AUVA. Statt fertige Lösungen zu präsentieren, entwickeln die Teilnehmenden dabei gemeinsam einen praxisnahen „Werkzeugkoffer“ für ihren Schulalltag.
Gewalt bleibt oft lange unsichtbar
Nicht jede Form von Gewalt ist auf den ersten Blick erkennbar. Vieles geschieht außerhalb des Blickfelds von Lehrkräften – im digitalen Raum, zwischen Unterrichtsstunden oder in einer Dynamik innerhalb der Klasse, die sich nur langsam entwickelt. „Wir sehen oft nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt so viele Formen von Gewalt im Klassenzimmer, von denen wir als Pädagogen:Pädagoginnen häufig gar nichts mitbekommen“, sagt Martina Widhalm, Fortbildungskoordinatorin an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich und Teilnehmerin des AUVA-Workshops. Umso wichtiger sei es, Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren, Veränderungen wahrzunehmen und Warnsignale richtig einzuordnen.
Gewalt wirkt sich nicht nur auf das soziale Miteinander aus. Sie kann die psychische Gesundheit von Schülern:Schülerinnen sowie Lehrkräften belasten, das Sicherheitsgefühl beeinträchtigen und langfristig zu Stress, Ängsten oder psychosozialen Problemen führen. Frühzeitiges Erkennen und Handeln trägt daher wesentlich dazu bei, ein gesundes und sicheres Lernumfeld zu schaffen.
Im AUVA-Gewaltpräventionsworkshop diskutieren die Teilnehmenden anhand konkreter Situationen aus dem Schulalltag, wo Gewalt beginnt und welche Auswirkungen auch vermeintlich kleine Grenzverletzungen auf das Klassenklima haben können. Ziel ist nicht, jede Situation eindeutig zu bewerten, sondern den Blick für unterschiedliche Erscheinungsformen von Gewalt zu schärfen und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln.
Hinsehen und Handeln
„Die Ansprüche an Lehrer:innen werden vielfältiger. Und die Voraussetzungen, mit denen die Kinder kommen, sind mitunter sehr unterschiedlich ausgeprägt. Gleichzeitig versuchen wir, funktionierende Gemeinschaften in den Klassen zu entwickeln“, beschreibt Martina Widhalm die Realität an vielen Schulen. Genau dabei setzt der Workshop an. Er zeigt, wie eine Präventionskultur entstehen kann, die Lehrkräfte dabei unterstützt, Auffälligkeiten und Veränderungen im Sozialverhalten frühzeitig aufzugreifen – kurz: antizipativ zu handeln.
Ein Beispiel:
Im Unterricht fällt ein Schüler kaum auf, im Klassenverband wirkt er eher zurückhaltend. Erst nach und nach bemerkt eine Lehrperson, dass er sich in den großen Pausen regelmäßig mit seiner Jausenbox auf die Toilette zurückzieht. Nicht jede Verhaltensänderung ist ein Hinweis auf Gewalt oder Mobbing. Sie kann jedoch Anlass sein, genauer hinzusehen und das Gespräch zu suchen.
Solche Beobachtungen bieten die Möglichkeit, Risiken frühzeitig zu erkennen und Unterstützung anzubieten. Eine Kultur des Hinsehens stärkt nicht nur das soziale Miteinander, sondern trägt auch dazu bei, die psychische Gesundheit aller Beteiligten zu fördern und Eskalationen zu vermeiden.
Kein Patentrezept, sondern ein Werkzeugkoffer
Präventionskultur zeigt sich im Tun. Genau deshalb entwickeln die Teilnehmenden im Workshop keinen Maßnahmenkatalog, sondern einen gemeinsamen Werkzeugkoffer mit Ideen und Instrumenten, die sie im Schulalltag flexibel einsetzen können. Jede Schule füllt diesen Werkzeugkoffer entsprechend ihrer Erfahrungen und Bedürfnisse – Bewährtes bleibt, neue Ansätze kommen hinzu.
Im Workshop sammeln die Lehrkräfte dazu zahlreiche Ideen, die sich unmittelbar in den Schulalltag übertragen lassen. Dazu gehören beispielsweise:
Klassenregeln gemeinsam mit den Schülern:Schülerinnen entwickeln,
Kennenlern- und Klassenaktivitäten zur Stärkung der Gemeinschaft durchführen,
Konflikte frühzeitig ansprechen statt aussitzen,
positives Verhalten bewusst wahrnehmen und verstärken,
Eltern als Partner:innen einbinden,
klare und nachvollziehbare Konsequenzen setzen.
Aus Vorfällen lernen
Trotz aller Präventionsmaßnahmen lassen sich Konflikte und Gewaltvorfälle nicht vollständig vermeiden. Umso wichtiger ist ein professioneller Umgang damit. Gewaltvorfälle können nicht nur zu körperlichen Verletzungen führen, sondern auch erhebliche psychische Belastungen nach sich ziehen. Eine systematische Aufarbeitung hilft dabei, Risiken besser zu verstehen, Schutzmaßnahmen gezielt weiterzuentwickeln und die Sicherheit an Schulen nachhaltig zu verbessern.
Neben der gesetzlich vorgesehenen Unfallmeldung bei Verletzungsfolgen empfiehlt die AUVA, aggressive Vorfälle systematisch zu dokumentieren. Denn Prävention endet nicht mit einem einzelnen Ereignis – sie beginnt oft erst mit dessen Auswertung.
Mit der unverbindlichen Mustervorlage zur Erfassung aggressiven Verhaltens stellt die AUVA Schulen ein praxisnahes Instrument zur Verfügung. Er unterstützt dabei,
Vorfälle strukturiert festzuhalten,
Entwicklungen und wiederkehrende Muster zu erkennen,
geeignete Maßnahmen abzuleiten und
deren Wirksamkeit zu evaluieren.
So wird aus einzelnen Vorfällen wertvolles Wissen für die weitere Präventionsarbeit. Ergänzend empfiehlt der Workshop, Notfallkonzepte regelmäßig zu überprüfen und klare Zuständigkeiten innerhalb der Schule festzulegen. So können Präventionsmaßnahmen kontinuierlich weiterentwickelt und nachhaltig im Schulalltag verankert werden.
Die AUVA unterstützt Bildungseinrichtungen mit ihrer Expertise im Bereich Gewaltprävention. Dazu zählen Beratungen sowie Fortbildungen, die in Abstimmung mit den Pädagogischen Hochschulen und Bildungsdirektionen umgesetzt werden. Mit ihren Angeboten begleitet die AUVA Lehrkräfte dabei, sichere und gesundheitsfördernde Lernumgebungen zu schaffen, Risiken frühzeitig zu erkennen und Präventionsmaßnahmen nachhaltig im Schulalltag zu verankern.
Fazit
Gewaltprävention beginnt nicht erst mit einem Notfallplan. Sie beginnt dort, wo Menschen einander mit Respekt begegnen, Verantwortung übernehmen und nicht wegsehen. Eine gelebte Präventionskultur stärkt Sicherheit, Gesundheit und Zusammenhalt und schafft die Grundlage für ein Lernumfeld, in dem sich Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte gleichermaßen geschützt fühlen.
Martina Widhalm ist Fortbildungskoordinatorin an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich.
Patrick Taferner ist als Pädagoge in der AUVA-Landesstelle Wien tätig. Er berät Bildungseinrichtungen zu Sicherheit und Gesundheit an Schulen und Hochschulen.
Bei Fragen zum Thema steht Ihnen das AUVA-Präventionsteam gerne zur Verfügung. Kontaktieren Sie uns unter sichereswissen@auva.at